Archive | August 2014

High seas tragedies leave more than 300 dead on the Mediterranean in past week

UNHCR, 26 August 2014

(c) UNHCR/F. Noy

(c) UNHCR/F. Noy

More than 300 people have died while trying to make irregular sea crossings from North Africa to Europe in the past week, bringing the death toll this year from sinking vesels on the Mediterranean to almost 1,900, including some 1,600 since June.

„The past few days have been the deadliest this year on the Mediterranean for people making irregular crossings to Europe, with at least three vessels having overturned or sunk,“ UNHCR’s senior spokesperson, Melissa Fleming, told journalists in Geneva.

She said the first and largest of these incidents occurred last Friday when a boat, reportedly carrying at least 270 people, capsized near Garibouli to the east of the Libyan capital, Tripoli. Nineteen people survived, but the Libyan coastguard has recovered the bodies of 100 others, including five young children and seven women. The remaining 251 passengers are feared drowned.

Citing reports from survivors, Fleming said „the boat was packed full and more people were pushed on board before they departed. According to the accounts, the boat suddenly flipped, trapping the people on the lower deck.“ The Libyan coastguard has asked for help in the search and rescue operation and to recover bodies.

In a second incident on Saturday evening, the Italian Navy rescued 73 people and recovered 18 bodies from a damaged rubber dinghy 20 miles from Libyan territorial waters. UNHCR’s Fleming said 10 people were still missing and feared drowned.

The passengers were mainly from Mali, Côte d’Ivoire, Guinea and Sudan. The dinghy was already partially deflated when spotted by an Italian search and rescue aircraft and life rafts were dropped to people struggling in the water.

In a third incident, on Sunday evening, a fishing boat carrying about 400 people capsized north of the Libyan coast in bad weather. The Italian Navy and coastguard, in a joint operation with a nearby merchant ship, rescued 364 people. So far, 24 bodies have been recovered and more are feared dead. The exact number of missing is not yet confirmed.

The main departure country for Europe is Libya, where the worsening security situation has fostered the growth of people smuggling operations, but also encouraged refugees and migrants to risk the sea journey rather than remain in a conflict zone.

„UNHCR’s Tripoli office receives daily calls from refugees, asylum-seekers and other vulnerable people expressing fear for their lives and making desperate requests for food, water, medicine and relocation. Those who choose to leave for Italy are taking longer and riskier journeys through new ports of departure such as Benghazi [in eastern Libya],“ Fleming said.

She noted that many of those risking their lives at sea to reach Europe were refugees fleeing conflict, violence and persecution. „This dramatic situation at Europe’s sea borders demands urgent and concerted European action, including strengthened search-and-rescue operations in the Mediterranean, ensuring that rescue measures are safe and incur minimum risks for those being rescued,“ she added.

„UNHCR commends the life-saving Mare Nostrum (Our Sea) operation the Italian Navy and coastguard is conducting that has saved thousands of lives. As more refugees and migrants risk their lives at sea to reach Europe, mostly Eritreans, Syrians, and Somalis, urgent action is needed,“ Fleming stressed.

The UN refugee agency believes that it is of vital importance that survivors of these tragedies, who often have lost family and friends, be given immediate access to psychological support once they are disembarked. UNHCR has also called for procedures to be put in place to allow for identification of the bodies recovered at sea, providing quick and clear information so that families are not subjected to unnecessary additional suffering.

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Kritik an Abschiebung eines Syrers

Ö1 Mittagsjournal, 25.8.2014:

Österreich hat sich bereit erklärt, 1.500 syrische Flüchtlinge in einer humanitären Aktion aufzunehmen. Rund 450 sind bisher nach Österreich gekommen. Zugleich ist jetzt der Fall eines Syrers bekannt geworden, der nach einem Suizidversuch in Österreich nach Ungarn zurückgeschoben worden ist. Solche Rückschiebungen gehören zwar zur europäischen Asylpraxis, in diesem Fall hätte es aber nicht sein müssen, heißt es bei Amnesty International.

„Abschiebung ist Menschenrechtsverletzung“

AIMit dem Boot und weite Strecken zu Fuß ist Ahmed, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, geflüchtet – über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien. Anfang Februar wurde er in Ungarn aufgegriffen. Nach fünf Tagen verlässt Ahmed Ungarn und stellt in Österreich einen Asylantrag. In Ungarn habe er es nicht länger ausgehalten, außerdem hat er Familie in Österreich. Heinz Patzelt von Amnesty International beschreibt den Umgang mit Flüchtlingen in Ungarn als „letztklassig“. Er verstehe jeden, der dort weg will, weil er unter diesen Verhältnissen dort nicht leben kann. „Das ist ein Wegsperren unter völlig menschenunwürdigen Bedingungen. Wenn Österreich einen Flüchtling nach Ungarn zurückschickt, dann verletzt Österreich die Menschenrechte dieses Menschen.“

Als Ahmed Ende Juni nach Ungarn zurückgeschoben werden soll, begeht er einen Suizidversuch. Mit der Diagnose „posttraumatiche Belastungsstörung“ kommt er in die Psychiatrie. Wenige Wochen nach seiner Entlassung wird er von zwölf Polizisten in der Wohnung seiner Schwester abgeholt, in Boxershorts und Handschellen abgeführt und an die Grenze nach Ungarn gebracht. Jetzt ist er in einem ungarischen Flüchtlingsheim untergebracht. Dort hält er es kaum aus und denke jeden Tag an Selbstmord, erzählt er.

„Perverses Völkerballspiel“

Heinz Patzelt kann das Vorgehen der Behörden nicht verstehen: „Wir haben auf der einen Seite zugesagt, das wir syrische Flüchtlinge aufnehmen, das tröpfelt langsam vor sich hin, weil die Entscheidungen so schwer zu treffen sind. Dann gibt es Betroffene, die genau in das Schema passen, und mit denen fangt man dann an, über die Grenze Völkerball hin und her zu spielen. Das ist menschenrechtlich pervers, was Österreich hier tut.“

Laut dem „Dublin-System“ müssen Flüchtlinge in dem Land um Asyl ansuchen, in dem sie die EU zum ersten Mal betreten haben. Deshalb ist Ungarn für Ahmeds Asylverfahren zuständig. Trotzdem hätte Österreich in diesem Fall auch rechtlich die Möglichkeit gehabt, ihn aufzunehmen, sagt Patzelt: Denn wenn es einen Familienbezug gibt, dürfe auch das Zweitland eintreten. Österreich könnte also auch auf Basis der Gesetze menschenrechtskonform handeln. Das Dublin-System sei verwaltungstechnisch extrem aufwendig, teuer und schaffe menschenunwürdige Bedingungen, so Patzelt. Wenn Österreich die Genfer Flüchtlingskonvention nur irgendwie ernst nimmt, dann müsse jeder syrische Flüchtling aufgenommen werden.

Bulgarien baut Grenzzaun zur Türkei aus

Weitere 130 Kilometer sollen illegale EinwandererInnen in EU stoppen

Die bulgarische Übergangsregierung will den neuen 30-Kilometer-Zaun entlang der Grenze zur Türkei ausbauen, hat der Ministerpräsident im Übergangskabinett, Georgi Blisnaschki, in Sofia bekannt gegeben. Es sollen weitere 130 Kilometer der gemeinsamen Grenze abgedeckt werden. Die Investition beläuft sich auf rund 20 Millionen Euro.

Der Zaun soll verhindern, dass Flüchtlinge heimlich über die „grüne Grenze“ nach Bulgarien gelangen.

„Schnelle und relativ billige“ Lösung

Dem Staatssekretär des bulgarischen Innenministeriums, Swetlozar Lazarow, zufolge werde der Grenzzaun den bulgarischen SteuerzahlerInnen viel Geld einsparen, die momentan für verstärkte Patrouillen entlang der Landgrenze ausgegeben werden. Es handelt sich um eine Hügellandschaft, die schwer zugänglich ist und deshalb von illegalen EinwandererInnen aus dem Nahen Osten bevorzugt wird. An diesem Teilstück der bulgarisch-türkischen Grenze gibt es noch keine Videoüberwachung. Daher gelte der Stacheldrahtzaun als eine „schnelle und relativ billige“ Variante, erläuterte Lazarow.

APA (epa)

APA (epa)

Die im Juli zurückgetretene sozialistische Regierung hatte im vergangenen Winter einen 30 Kilometer langen Grenzzaun gebaut, um die Flüchtlingswelle aus dem Bürgerkriegsland Syrien zu stoppen. Am Dienstag hatte der bulgarische Außenminister, Daniel Mitow, erklärt, eine neue Flüchtlingswelle in Bulgarien infolge der Irak-Krise sei nicht auszuschließen. Im Vergleich zum Andrang syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem vergangenen Jahr, als bis zu 1.000 Menschen im Monat die bulgarische Grenze illegal passierten, könnte sich die Zahl der Asylsuchenden nun verdreifachen, sagte Außenminister Mitow.

11.000 Flüchtlinge im Jahr 2013

Durch die gemeinsame Landgrenze mit der Türkei ist Bulgarien neben Griechenland das einzige EU-Land, das Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsgebiet auf dem Landweg erreichen können. 2013 sind, Behördenangaben zufolge, rund 11.000 Flüchtlinge nach Bulgarien gekommen, was für das Land eine Krisensituation darstellte.

Die Vereinten Nationen hatten bereits vor einigen Monaten Bulgarien für den Bau des Grenzzauns kritisiert, es sei unangemessen, dass Flüchtlingsproblem durch Stacheldraht zu lösen. Es wird erwartet, dass die Pläne der neuen Regierung in Sofia erneut stark kritisiert werden.

(APA, 20.8.2014)

Mare Nostrum: Widerstand von unten zwingt Europa zur Rettung

4. August 2014: An der Erarbeitung des vorliegenden Textes haben sich auch Aktive aus dem Netzwerk Afrique-Europe-Interact beteiligt:

Mit folgendem Text wollen wir – Aktive aus unterschiedlichen migrations- und fluchtbezogenen Netzwerken – einige Überlegungen zur italienischen Marineoperation Mare Nostrum und somit zur aktuellen Situation im zentralen Mittelmeer zur Debatte stellen. Denn dort wurde in den vergangenen Monaten im Zusammenwirken von hartnäckig die Überfahrt wagenden Boatpeople sowie öffentlicher Kritik das EU-Migrationsregime in die Defensive gedrängt. Die Rettung jeder einzelnen Person – und das vieltausendfach – ist eine großartige Nachricht, die zudem einen Blick in die Zukunft ermöglicht: das Ende des Massengrabs im Mittelmeer. Denn es sollte immer wieder in Erinnerung gerufen werden, dass erst ab 1993 durch politische Entscheidungen all jene tödlichen Kontroll- und Ausgrenzungsmechanismen erschaffen wurden, die auch von heute auf morgen wieder verschwinden könnten. Dass sich dies allein durch nachhaltigen Druck von unten durchsetzen lässt, ist zentraler Ausgangspunkt der folgenden sieben Thesen, deren letzte einige Handlungsziele für die kommenden Monate skizziert.

1. Von den Zielen der Militarisierung…
Auf Anordnung der italienischen Regierung begann das italienische Militär Ende Oktober letzten Jahres mit der Operation “Mare Nostrum”. In Reaktion auf die “Tragödie” vom 3. Oktober 2013 vor Lampedusa startete die Marine einen Großeinsatz, um Boatpeople frühzeitig auf See zu retten bzw. abzufangen. Eine ganze Flotte inklusive Aufklärung aus der Luft wurde bis nahe der libyschen Küste in Bewegung gesetzt, um eine lückenlose Überwachung zu gewährleisten. Dieser neue Schritt der Militarisierung des Grenzregimes zielte auf Abschreckung durch vorverlagerte Präsenz, unter anderem indem Fluchthelfer noch auf See identifiziert und festgenommen werden sollten. Darüber hinaus wurden Flüchtlinge und MigrantInnen auf den Schiffen registriert, zur Abnahme der Fingerabdrücke gezwungen und nach Herkunftsländern “gescreent” – und das mit dem Ziel, das weitere Verfahren in Sizilien vorzubereiten: Menschen aus Eritrea, Somalia oder Syrien sollten fortan aufgenommen und in Lagern untergebracht werden. Demgegenüber landeten NigerianerInnen oder GambierInnen auf der Straße, manche erhielten auch Ausreiseaufforderungen. Noch schlimmer die Lage tunesischer und ägyptischer MigrantInnen, sie sahen sich verschärften Rückschiebungen ausgesetzt. Dass anfangs auf einem der Schiffe auch libysche Offiziere an Bord waren (vorgeblich “zur Beobachtung”), zeigt umissverständlich, dass Mare Nostrum von Anfang unterschiedliche Zielsetzungen verfolgt hat.

2. … zu den Realitäten der Rettung
Es kam anders: Alle “Kooperationsbemühungen” in Libyen scheiterten, weil die Machtkämpfe es verunmöglichten, verlässliche Partner zu finden – mittlerweile zählt das Land gänzlich als Failed State. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, mussten alle aufgegriffenen Boatpeople nach Sizilien transportiert werden. Selbst in den Winter- und Frühjahrsmonaten hatten sich die Überfahrten fortgesetzt, seit März starten immer mehr Boote und statistisch gesehen ist das laufende Jahr bereits Ende Juli ein neues Rekordjahr: Im Verhältnis zu den Ankunftszahlen gab es schon lange nicht mehr derart wenig Todesfälle im Zentralen Mittelmeer wie in den ersten fünf Monaten des Jahres 2014. Zugespitzter: Mare Nostrum sollte das Sterben reduzieren, um einer handfesten Legitimationskrise des Migrationsregimes vorzubeugen. Als Seenotrettungsprogramm ist Mare Nostrum unterdessen für eine große Zahl von Flüchtlingen und MigrantInnen zur (halben) Brücke nach Europa geworden. Genau das sollte – so ungewöhnlich es erscheinen mag – als ein an Bedeutung kaum zu überschätzender Lichtblick bzw. Erfolg der letzten Monate verstanden und anerkannt werden, im Übrigen auch mit Blick auf die ebenfalls existentiell in Mitleidenschaft gezogenen Angehörigen.

3. Die Bewegung der Migration schleift die militarisierte Festung
Trotz aller Abschreckung durch kalkuliertes Sterben-Lassen, trotz systematischer Menschenrechtsverletzungen mittels Rückschiebungen: es ist und war in erster Linie die Hartnäckigkeit der sozialen Bewegung der Migration, die dem unerbittlichen EU-Grenzregime diesen Erfolg abgerungen hat. Auch an einem weiteren Zacken der Festung wird heftig geschleift. Vor allem Gruppen syrischer und eritreischer Flüchtlinge hatten in den letzten Monaten kollektiv die Abgabe der Fingerabdrücke verweigert, denn sie wussten bereits um die Gefahr, mit diesem Fingerabdruck an Italien als Land der Asylantragstellung gebunden zu bleiben, inklusive der damit verbundenen drohenden Obdachlosigkeit und mangelnden Perspektiven. Entsprechend wurden sie durch Aufstandsbekämpfungseinheiten zunächst auf Lampedusa und später auf Sizilien zur Abgabe gezwungen. Dabei wurden dehydrierte und entkräftete Flüchtlinge wiederholt teils mit Elektroschockern, teils mit roher Gewalt (inklusive Knochenbrüchen) attackiert. Ergebnis dieser Auseinandersetzungen war, dass Italien mittlerweile tausendfach auf biometrische Kontrollen und somit auf den „Fluch des Fingers”, d.h. Dublin III, verzichtet – eine Feststellung, die freilich nicht darüber hinweg täuschen sollte, dass sich die italienische Regierung auf diese Weise auch ihrer Verantwortlichkeit in der Flüchtlingsfrage zu entziehen und das übrige Europa unter Druck zu setzen versucht.

4. Nachwirkung der Aufstände in Nordafrika
Mit den Aufstandsbewegungen zunächst in Tunesien, dann in Ägypten und in Libyen sind 2011 kurz nacheinander drei sogenannte Wachhundregime der EU in Nordafrika weggebrochen. Vom arabischen Frühling ist zwar heute allenfalls in Tunesien noch etwas zu spüren, der Militärputsch in Ägypten und der Bürgerkrieg in Libyen spiegeln fatale innen- wie auch geopolitische Entwicklungen. Dennoch ist es der EU in diesen Gefügen bislang nur teilweise gelungen, ihr Ziel einer vorverlagerten Migrationskontrolle neu zu verankern. Zwar funktioniert längst wieder die Rückschiebung tunesischer und ägyptischer Harragas („Grenzverbrenner“) aus Italien. Zudem sind Flüchtlinge und MigrantInnen aus Subsahara-Afrika mit massiver Entrechtung in Tunesien konfrontiert, einschließlich der zynischen Alternative zwischen unbefristeter Haft oder „freiwilliger“ Ausreise. Und doch: Die Einbindung in eine umfassendere Externalisierungsstrategie, die insbesondere die subsaharische Migration ausbremsen soll, funktioniert weniger reinbungslos als ehedem, insbesondere im extrem krisendurchschüttelten Libyen.

5. Widerstand und kritische Öffentlichkeit in Europa
Ein dritter Faktor hat mit dem 3. Oktober 2013 maßgeblich an Gewicht gewonnen: Quer durch Europa und besonders in Deutschland war die mediale Berichterstattung kritischer denn je. Niemals in den letzten 20 Jahren wurde die EU-Migrationspolitik derart grundsätzlich in Frage gestellt. Angesichts der Kindersärge in Lampedusa mussten sogar die verantwortlichen PolitikerInnen Krokodilstränen verdrücken. Doch die öffentlich-mediale Zäsur war mitnichten vom Himmel gefallen, sie reflektiert vielmehr einen in den letzten Jahren in vielfältiger Weise gewachsenen Protest und Widerstand gegen das tödliche EU-Grenzregime. Bereits 2004 bis 2006 waren im Atlantik Tausende von MigrantInnen ertrunken, ohne dass es eine breitere Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen hätte. Und auch in den letzten Jahren gab es einzelne “Bootstragödien” mit noch mehr Toten als am 3. Oktober, ohne dass es zu einem vergleichbaren Aufschrei gekommen wäre. Kurzum: Die schrecklichen Bilder aus Lampedusa haben ein sich beständig füllendes Fass zum Überlaufen gebracht. Tausendfache Proteste und Gedenkveranstaltungen zu den Opfern an den Außengrenzen, hundertfache Aktionen gegen Abschiebungen und nicht zuletzt die zunehmende Selbstorganisierung von Flüchtlingen – all dies hat dazu beigetragen, dass die Verantwortlichen für die Opfer des Grenzregimes unter massiven Druck geraten sind und dass Slogans wie “Refugees Welcome” und “Kein Mensch ist illegal” mittlerweile auf neuem Niveau unterstützt werden.

6. Rückkehr zum Massensterben?
Während die internationale Presse regelmäßig über die Flüchtlinge berichtet, die durch Mare Nostrum gerettet werden, herrscht in den letzten zwei Monaten ein zensurähnliches Schweigen über die zunehmenden Schiffskatastrophen zwischen Libyen und Sizilien. Konkreter: Seit Mai 2014 nehmen die Meldungen zu, wonach sich die italienischen Militärschiffe immer wieder aus der See vor Libyen zurückziehen und immer größere Lücken lassen, die auch die italienische Küstenwache nicht mehr schließen kann. Einige Schiffskatastrophen haben sich trotz SOS-Alarm ereignet. Über 1300 neue Opfer des Grenzregimes sind die Konsequenz dieses Teilrückzuges, während in der italienischen Öffentlichkeit die zu hohen Kosten der Operation beklagt werden und die EU – allen voran die deutsche Regierung – alle Forderungen nach einer europaweiten Beteiligung strikt zurückweist. Überlegungen, dass Frontex das Rettungsprogramm übernehmen solle, erscheinen vollends absurd: Die EU-Grenzschutzagentur hat weder die Ausstattung und die Kapazitäten und noch weniger das Interesse. Frontex steht vielmehr für Flüchtlingsabwehr und Migrationskontrolle mit allen Mitteln.

7. Forderungen und Perspektiven
Retten mit allen Mitteln, im gesamten Mittelmeer und auch vor der libyschen Küste: das ist das dringende Gebot der Stunde! Denn das Leben im libyschen Transit wird für Flüchtlinge immer unerträglicher angesichts der Folter in den Lagern und dem Rassismus wie den kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Straßen. Selbst der UNHCR hat sich vollständig aus Libyen zurückgezogen. Auf das SOS der Boatpeople muss reagiert werden, Mare Nostrum hat gezeigt, dass dies möglich ist. Es gilt zudem, die ersten Ansätze selbstorganisierter Alarmnetzwerke mit Notruftelefonen zügig weiterzuentwickeln, um Echtzeit-Druck auf die Verantwortlichen ausüben zu können, falls die Rettung unterbleibt oder hinausgezögert wird. Schließlich: Fähren für die Bedürftigen hatte der Papst als einflussreiche Stimme angemahnt, legale Einreisemöglichkeiten fordern verschiedenste Menschenrechtsgruppen. Das wären sinnvolle Zwischenschritte, wenn es nicht mit der Etablierung eines reformierten neuen Grenzregimes einhergeht, sondern mit einer grundsätzlichen Kritik an der EU-Migrationspolitik verbunden wird. Die Visumsverfahren und das gesamte Instrumentarium der Ausgrenzung müssen fallen, um das universelle Recht auf Schutz und Bewegungsfreiheit durchzusetzen. Freiheit statt Frontex bleibt die zugespitzte richtige Devise, und der Weg zu dieser Freiheit muss mit dem verstärkten Aufbau von Strukturen der Selbstorganisierung und Unterstützung entlang der gesamten Route gebahnt werden.

Aktive aus den Initiativen und Netzwerken Forschungsgesellschaft Flucht und Migration,  Afrique Europe Interact, Welcome to Europe und transact!

Erstmals Klimaflüchtlinge in Neuseeland anerkannt

Antrag einer Familie aus Tuvalu auf Bleiberecht akzeptiert

Erstmals hat Neuseeland bei dem Antrag einer Familie auf Bleiberecht den Klimawandel als Gefahr berücksichtigt. Sigeo Alesana, seine Frau und die beiden Kinder im Alter von fünf und drei Jahren aus dem Pazifik-Inselstaat Tuvalu dürfen in Neuseeland bleiben, wie ihre Anwältin Carole Curtis am Montag berichtete.

Die Kinder seien wegen ihres Alters besonders stark durch Naturdesaster und Folgen des Klimawandels gefährdet, urteilte das Einwanderungstribunal. Außerdem lebe bereits die gesamte Verwandtschaft der Familie in Neuseeland. Eine Familie aus Kiribati war 2013 nicht als Klimaflüchtlinge anerkannt worden.

(APA)

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