Watch the Med: „Es muss in Echtzeit gerettet werden“

Bericht und Video: Arte Journal

watch the medImmer wieder werden im Mittelmeer Leichen gefunden. Hunderte Flüchtlinge, auf dem Weg in eine bessere Zukunft, verenden qualvoll auf hoher See. Europa schaut zu. Das Netzwerk „Watch the Med“ (WTM) – Beobachte das Mittelmeer – will mit seinem Internetprojekt Druck auf die Politik Europas ausüben.

Seit Anfang der 90er Jahre gab es laut Angaben von WTM mehr als 13 000 Tote an den Seegrenzen der Europäischen Union. Die Flüchtlinge wagen die gefährliche Überfahrt, doch nur für wenige kommen am europäischen Festland an. Die oftmals seeuntauglichen Boote kentern. Die Flüchtlinge rufen um Hilfe, schreiben Kurznachrichten, telefonieren, doch Rettung ist selten in Sicht. Nicht zuletzt, weil kein Staat sich um die illegalen Einwanderer kümmern möchte.

Wer ist verantwortlich für diese Tragödien? Wie können weitere Unglücke dieser Art verhindert werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Netzwerk „Watch the Med“. Die Idee für WTM entstand im Frühjahr 2011, als die Nato-Blockade, die Schiffsblockade vor Libyen und ein „Frontex“ – Einsatz im Meer vor Tunesien liefen. Während dieser Überwachungsmaßnahmen auf dem Meer sind so viele Menschen zwischen Nordafrika und Süditalien gestorben, wie nie zuvor in den vergangenen 20 Jahren. Das war das ausschlaggebende Ereignis für die Gründung von WTM.

Auf der Suche nach dem „Warum?“ gründeten NGOs aus ganz Europa ein internationales Netzwerk. Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Kenntnissen kämpfen seitdem gegen das Sterben im Mittelmeer. Mit ihrem Internet-Projekt wollen sie dokumentieren, was die Menschen in Europa nicht mitbekommen.

Auf der Homepage von WTM befindet sich eine Mittelmeerkarte mit unterschiedlichsten Daten, wie Routen von Flüchtlingsbooten, Mobilfunknetze und Rettungszonen der Küstenwache. Die Informationen erhält WTM über Telefonanrufe oder E-Mails von in Seenot geratenen Migranten, deren Familien, Seefahrern oder anderen eventuellen Zeugen. „Watch the Med“ kann auf diese Weise Unglücke rekonstruieren. Die Organisation hofft, die Verantwortlichen zu finden und die Vorfälle juristisch aufzuarbeiten. Helmut Dietrich beschäftigte sich seit über 20 Jahren mit der Situation der Flüchtlinge und Migranten, vor allem an den Außengrenzen der EU und mit den Auswirkungen auf Europa. In Deutschland ist er einer der Köpfe von „Watch the Med“. Im Interview mit Stefanie Hintzmann vom ARTE Journal spricht er über seine Arbeit.

ARTE Journal: Können Sie anhand der im Internet veröffentlichten Karte direkt Hilfe leisten, wenn ein Boot gekentert ist?

Helmut Dietrich: Unser Ziel ist, eine Art alternatives Notrufsystem einzurichten. Dafür brauchen wir aber eine größere, sozialere Mobilisierung rund um das Mittelmeer. Damit würde auch politischer Druck auf die Rettungsleute und die Regierung ausgeübt, die gezwungen wären, Menschenleben zu retten. Im Moment ist das noch nicht zu schaffen.

Sie können mit Ihrer Technik gekenterte Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer bewahren?

Die Technik kann sowieso nicht groß helfen. Das ist eine Frage von Rettungsschiffen und politischen Entscheidungen. Man müsste zuerst fairen und freien Schiffsverkehr auf dem Mittelmeer zulassen. Erst dann könnten die Menschen sicher über das Mittelmeer fahren. „Watch the Med“ ist der Meinung, dass in Echtzeit gerettet werden muss.Unser Internetprojekt ist dazu da, bei den Behörden Druck aufzubauen. Das geschieht, indem wir Unglücke rekonstruieren, um so die Verantwortlichen zu finden.

Im Moment geht es Ihnen also hauptsächlich darum, die Hauptverantwortlichen zu finden und vor Gericht zu bringen?
Helmut Dietrich: Das ist ein Ziel. Wir haben zum Beispiel Kenntnisse von einem verantwortlichen Admiral aus Rom. Er sagte, dass Notrufe von über 400 gekenterten Flüchtlinge am 11. Oktober 2013 schon ab Mittag eingetroffen waren. Doch er hat nichts weiter veranlasst, lediglich das Kommando an Malta abgegeben. Auch von dort kam keine Reaktion. Erst als das Schiff mit mindestens 200 Toten am Abend untergegangen war, trafen die ersten Rettungsboote ein. Direkt neben dem Schiff, 40 Kilometer weiter, lag ein italienisches Kriegsschiff. Da ist es natürlich wesentlich schwieriger Namen herauszubekommen. Aber diese Verantwortlichkeiten kenntlich zu machen, das ist unser Ziel.

Warum helfen die anderen Schiffe nicht? Ist es die Angst sich selber strafbar zu machen, wenn sie den illegalen Migranten bei der Überfahrt helfen?

Helmut Dietrich: Fischer und Seeleute auf Handelsschiffen haben Angst, dass ihnen eine Strafe droht, wenn sie helfen. Das gehört sofort abgeschafft. Die Menschen sterben unter Beobachtung. Ihr Tod wird vom Radar aufgenommen und durch Satellitenprogramme dokumentiert. Die Menschen sterben vor unseren Augen. Das soll anscheinend der Abschreckung dienen.

Frontex und Eurosur sind beides Projekte, die sie kritisieren, weil die das Sterben erlaube, weil sie die Situation für die Migranten noch gefährlicher machen. Was genau ist der Unterschied zwischen Watch the med, Eurosur und Frontex?

Helmut Dietrich: Frontex und Eurosur dienen erklärtermaßen dazu, die Flüchtlinge und Immigranten davon abzuhalten nach Europa zu kommen. Es gibt dort furchtbare Aktionen. Sogenannte „Push-backs“. Flüchtlingsboote werden noch auf dem Meer zurückgestoßen. Es gibt unterlassene Hilfeleistung und eine Reihe unmenschlicher Abschreckungsmaßnahmen. „Watch the Med“ ist für eine freie Schiffahrt in Solidarität mit den Flüchtlingen und Migranten. Unser Ziel ist es, dass Menschen frei über das Mittelmeer kommen können und deswegen nicht sterben müssen. Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit und die Flucht über das Mittelmeer sollen anerkannt werden.

Stimmt es, dass das Mittelmeer in bestimmte Zonen aufgeteilt ist?

Helmut Dietrich: Im Meer überlappen sich die Bereiche. Die Rettungszonen stimmen nicht mit anderen geografischen und politischen Zonen auf dem Meer überein. Dieses Gewirr, diese Widersprüchlichkeit der sich überlappenden Zonen wird gerne genutzt, um im Nachhinein unterlassene Hilfeleistung zu rechtfertigen, um die Zuständigkeiten zu verschleiern. Seitdem es die Schiffahrt gibt, ist die Rettung der in Seenot geratenen Menschen das Wichtigste. Dabei geht es weder um Zuständigkeiten noch um Zonen. Dieses Prinzip wird im Moment sträflichst missachtet.

Gibt es in ihrer bisherigen Laufbahn eine Geschichte, die sie besonders berührt hat?

Helmut Dietrich: Da fällt mir sofort die Geschichte „Left to die“. Am 27. März 2011 verließen 72 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Eritrea, die Küste von Tripolis. In Libyen herrschte damals Natokrieg. Das Flüchtlingsboot ist auf halber Strecke nach Lampedusa wegen eines Motorschadens liegengeblieben und ist dann zwei Wochen auf dem Mittelmeer umhergetrieben. Zuerst sind die Kinder verdurstet, dann die Älteren und Schwächeren. Neun Menschen haben, schwer traumatisiert, überlebt.Sie berichteten dann Journalisten und Menschenrechtsgruppen, welche Schiffe an ihnen vorbei gefahren sind. Sogar ein Hubschrauber flog über sie hinweg. Er warf zwar Wasser ab, aber Hilfe gab es nicht. Das ist die berührendste Geschichte, die später auch vom Europarat von einem Menschenrechtsbericht aufgenommen wurde. Mit Hilfe von WTM konnten die Ereignisse genau dokumentiert werden.

Link zur Homepage: watchthemed.crowdmap.com

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