Blackbox Abschiebung

Geschichten und Bilder von Leuten, die gerne geblieben wären. Miltiadis Oulios. edition suhrkamp 2013.

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Abschiebung ist Alltag: Etwa 10.000 Menschen müssen jedes Jahr Deutschland verlassen. Aber wer sind sie? Ihre Gesichter, ihre Geschichten und ihre Schicksale verschwinden aus unserem Blickfeld und damit aus unserem Bewusstsein.

Das Projekt „Blackbox Abschiebung“ will das Phänomen Abschiebung sichtbar machen. Neun Menschen, die von Abschiebung bedroht sind oder abgeschoben wurden, erzählen ihre Geschichten. Mit einer Digitalkamera dokumentieren sie ihre Reise, die Ankunft und die ersten Monate im Aufnahmeland – oder das, was nach der Abschiebehaft geschieht.

Ausschnitte des Filmmaterials: hier

„Ich kann verstehen, dass die uns Abschiebung gegeben haben. Das haben die bestimmt gemacht, weil ich eine Woche nicht in die Schule gegangen bin. Da war ich im Krankenhaus. Ich hatte einen Unfall. Manchmal ist auch mein Bruder Ramon nicht in die Schule gegangen. Eine Woche. Der hatte die Hand gebrochen. Wir beide waren krank. Da kann ich es verstehen, dass die uns abgeschoben haben. Aber ich mag das nicht.“

(Nadire Mujolli, 9 Jahre)

Die UNICEF-Mitarbeiter im Kosovo berichten, es sei typisch für abgeschobene Kinder, dass sie sich, ähnlich wie Scheidungskinder, selbst die Schuld an ihrer Abschiebung geben.

Der Tod in deutschen Abschiebegefängnissen

Seit 1993 nahmen sich insgesamt 62 Menschen in deutschen Abschiebegefängnissen das Leben, berichtet die Dokumentationsstelle der antirassistischen Initiative Berlin, die in minutiöser, ehrenamtlicher Kleinarbeit alle Fälle der aus ihrer Sicht „tödlichen Folgen“ deutscher Flüchtlingspolitik recherchiert. Europaweit sind alleine zwischen Januar 2009 und Juni 2010 im Zusammenhang mit Abschiebungen 38 Menschen gestorben – die meisten infolge von Suizid. (…) Zwischen 2000 und 2010 gab es allein in Hamburg 25 Selbstmordversuche in der Abschiebehaft. Unter denen, die sich das Leben nehmen wollten, waren vier 16-jährige Jugendliche. Ein 34 Jahre alter Tunesier versuchte sogar zwei Mal, sich umzubringen, weil er wieder in die Diktatur zurück sollte, mit der die deutsche und andere europäische Regierungen kooperierten, um Abschiebungen durchführen zu können, und deren Sturz sie ein Jahr später plötzlich begrüßten. Selbst wenn ein Arzt attestiert hatte, dass sie selbstmordgefährdet waren, wurden Menschen abgeschoben. (vlg. Seite 44f)

(…) Experten gehen davon aus, dass etwa zwanzig Prozent der Flüchtlinge, die in die Europäische Union einreisen, traumatisiert sind, aber nur wenige von ihnen eine Therapie erhalten. Der Stuttgarter Verein refugio bietet eine entsprechende Behandlung an. Immer wieder versichern Patienten, die dort betreut werden, „für den Fall, dass man sie in Abschiebehaft nähmen, auf einen Suizid vorbereitet zu sein.“ Einige gäben sogar an, „auf welche Weise sie sich umbringen würden“. (vlg. Seite 47)

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