Julya Rabinowich „Tagfinsternis“

Uraufführung: Julya Rabinowich „Tagfinsternis“ am 17.01.2014 im Landestheater Niederösterreich

Regie: Markus Schleinzer., Ausstattung: Gerhard Dohr, Katrin Huber. Mit: Katharina von Harsdorf, Marion Reiser, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller.

Kommentar von Eva Menasse:

„MIT DER URAUFFÜHRUNG VON JULYA RABINOWICHS „TAGFINSTERNIS“ REAGIERT DAS LANDESTHEATER NIEDERÖSTERREICH AUF DIE FLÜCHTLINGSTRAGÖDIEN, MIT DENEN UNS DIE MEDIEN TÄGLICH KONFRONTIEREN. ABER BERÜHRT UNS DAS ALLES ÜBERHAUPT NOCH?

EINE WELT OHNE MITLEID

Es ist eine Schande: Wir sitzen in unseren warmen Wohnzimmern, schenken uns ein Schlückchen vom guten Wein nach, und wenn uns über den Bildschirm diese mageren schwarzhaarigen Leute belästigen, die in einer unserer kalten Kirchen in den Hungerstreik getreten sind, dann murmeln
wir: „Wir lassen uns nicht erpressen. Wir sind nämlich ein Rechtsstaat“. Immer diese unangenehmen Bilder! Wir sehen eine Stadt im Libanon, in die sich 700.000 Syrer geflüchtet haben, wir sehen den Bürgermeister, der um Hilfe fleht und keine bekommt, wir sehen Kinder in einem Zelt, die Knoblauch schälen, um 35 Cent pro Kilo.
Wir sind ja nur froh, dass das weit weg von uns ist. Sonst kämen die auch noch zu uns. Es kommen eh schon genug. Und wir wollen sie nicht haben. Die Welt scheint voll von Flüchtlingen zu sein. Wir müssen uns besser abschotten! Tun unsere Politiker genug für unsere Abschottung? Wenn nicht, werden wir sie in den Arsch treten, diese Schlawiner.

Die Italiener kümmern sich doch, bitteschön. Die fischen doch die Neger so engagiert aus dem Meer. Manche lassen sie eh ersaufen, aber es kommen ja immer wieder neue nach. Sie haben ja diese hübsche Insel, wo sie sie abladen. So eine Insel haben wir nicht! Geht uns gar nichts an.
Wenn in unserer Nähe ein Heim eröffnet wird für ein paar wenige dieser Menschen, dann stöhnen wir: „Muss das ausgerechnet hier sein?“ „Geht’s nicht auch woanders?“ „Haben wir da nicht einmal so eine abgelegene Alm gehabt?“
Wir brauchen dringend einen neuen Plasmabildschirm. Da sieht man es dann nämlich genau: Da sollen auch Menschenhändler darunter sein! Die tun jetzt so, als wären sie arme Flüchtlinge! Die machen mit unserem Mitleid Geschäfte! Gut nur, dass wir gar kein Mitleid haben. Wenn wir einen nehmen, dann kommen die doch alle, nicht wahr?! Also lieber nicht einmal den kleinen Finger. Da könnt’ ja jeder kommen …

Haben wir uns je vorstellen können, was erst alles passieren muss, damit einer seine Kinder und sonst nichts packt und sich auf den Weg macht, durch Wüsten und Wälder, in überladene Boote und in sauerstoffarme Laderäume? Illegal über Grenzen, auf dem Bauch durch den Schnee? Haben wir irgendeine innere Verbindung zu diesen braunhäutigen Leichen, die sie manchmal auf den Autobahnparkplätzen aus Lastwägen ziehen? Nein, das haben wir nicht. Das können wir uns nicht vorstellen, das müssen wir auch nicht. Dazu kann man uns nicht zwingen.
Ich finde, der Veltliner ist nicht kalt genug. Ich finde, der letzte Jahrgang war besser. Ich krieg schlechte Laune bei diesen Bildern. Schalt um, heut gibt’s den Musikantenstadl.
Wir sind eine Schande.“

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: