Sie schmücken sich mit Menschenrechten

Einer der Refugees in Wien über die Flüchtlingsproteste und ihre Ziele

Leserkommentar Mir Jahangir

Wir leben in einer Welt der Doppelmoral: Einerseits werden Grenzen immer mehr verschärft, andererseits weinen die dafür verantwortlichen Personen viele Tränen, wenn auf einmal hunderte Geflüchtete im Meer ertrinken. Haben wir Refugees erst einmal Staatsgebiet der EU betreten, zwingen uns die Regierungen an isolierten Orten zu leben und nehmen uns die Möglichkeit, Kontakt mit der Gesellschaft aufzunehmen. Obwohl sich die Staaten mit der Wahrung von Menschenrechten schmücken, erleben wir Geflüchtete ständige Verletzungen dieser. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir begonnen haben, uns gegen diese unmenschlichen Bedingungen zu organisieren. Ganz Europa erlebt derzeit eine große Welle von Protesten, getragen von uns Refugees: Hamburg, Berlin, München, Amsterdam, Paris oder Kopenhagen. Wir werden immer mehr.

Protest in Wien

Auch in Wien kämpfen wir nun seit bald einem Jahr für die Umsetzung der Menschenrechte. Wir versuchten bereits so viel: Ein 40 Kilometer langer Fußmarsch, ein Protestcamp mitten im eiskalten Winter bei Schneefall und wochenlange Hungerstreiks. Das bisherige Ergebnis unseres Kampfes hat zwei Gesichter: Es gibt breite Unterstützung aus der Zivilgesellschaft. Wir wurden zu etlichen Veranstaltungen eingeladen, um unsere Forderungen anzubringen. Tausende nahmen an unseren Demonstrationen teil.

Erst vor kurzem wurde unsere Bewegung mit dem 1. Preis des „International Elevate Award“ ausgezeichnet. Ein Grund dafür war, dass die Jurymitglieder und das Publikum schockiert waren, dass eines der wohlhabendsten Länder der Welt uns weder Sicherheit noch Menschenrechte gewähren möchte. Und das ist das andere Gesicht: Acht unserer Mitstreiter wurden in Regionen abgeschoben, die ständig von Terror bedroht sind. Zeitgleich wurden weitere Personen von uns ohne Grundlage beschuldigt, etliche Millionen durch organisierten Menschenschmuggel verdient zu haben. Sie sitzen immer noch in Untersuchungshaft.

Asylsystem den Spiegel vorhalten

Die Verantwortlichen verhalten sich wie schwere Steine. Sie bewegen sich nicht. Ich frage mich, wie wir unsere Probleme erklären sollen, sodass man uns versteht. Wir wissen nicht, was mit uns in der Zukunft passieren wird. Wir haben dem Asylsystem den Spiegel vorgehalten. Einige von uns erhielten negative Entscheidungen in ihrer Asylprozedur, ohne bei einer einzigen Einvernehmung gewesen zu sein. Wo ist das sogenannte „faire Asylverfahren“?

Wie wir den Kampf weiterführen werden? Nachdem wir aus dem Servitenkloster und der Akademie der bildenden Künste hinausgeworfen wurden, konzentrieren wir uns darauf, eine gemeinsame Unterkunft zu finden. Es ist uns wichtig, jederzeit zu wissen, was mit den Einzelnen in der Gruppe passiert. Denn wir müssen mit Abschiebungen rechnen. Die Ungerechtigkeit ist derart groß, dass uns nichts anderes als der Protest übrig bleibt. Die auch von Österreich unterzeichnete Menschenrechtskonvention muss nämlich für Alle gelten. Am 24. November jährt sich unser Marsch von Traiskirchen nach Wien. Doch es hat sich nur wenig verändert. Deshalb werden wir unsere Stimmen so lange erheben, bis Menschenrechte auch für uns gelten. We demand? Our rights!

Die Hauptforderungen der Refugee Protest Bewegung sind:

– Ein legaler Aufenthaltsstatus.
– Wir können nicht in unsere Heimatländer zurück, denn Krieg, Terror und Hungersnöte haben uns zur Flucht gezwungen.
– Entfernung der Fingerabdrücke. Falls Österreich nicht dazu bereit ist, so löscht wenigstens unsere Fingerabdrücke aus euren Datenbanken, damit wir in anderen Ländern Schutz suchen können.
– Wir fordern die sofortige Freilassung aller Refugee-Aktivisten in U-Haft.

(Leserkommentar, Mir Jahangir, derStandard.at, 12.11.2013)

Mir Jahangir ist einer der Sprecher der Refugee Protest Bewegung in Wien. In Pakistan studierte er Master of Business Administration, übersetzte für das österreichische Bundesheer bei einem Hilfseinsatz in Pakistan und war Mitglied in einer oppositionellen StudentInnenorganisation in Kashmir. Dieser Text wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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